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Blaue Agnes

 
Initiale

Eines Abends vor langer Zeit fand der Wächter des Sinwellturmes vor der Türe seines Stübchens ein kleines Mädchen in einem blauen, zerschlissenen Kleid. Drei Raben wackelten um sie herum und pickten Körner, die aus ihrem Gewand zu purzeln schienen. Weil sich niemand fand, dem das Kind zugehörte, nahm der Wächter es auf und pflegte es viele Jahre wie seine Tochter.

Ihr Name war Agnes. Am liebsten saß sie in der Turmstube des Wächters, blickte auf das geschäftige Treiben in den Nürnberger Gassen und webte an einem Webstuhl, den ihr der Wächter gezimmert hatte. Doch merkwürdigerweise wurde das Garn immer blau. Deshalb waren auch alle ihre Kleider blau, und man nannte sie in der Stadt die „blaue Agnes“.

Eines Tages war ein Brand in Nürnberg ausgebrochen. Von allen Türmen hörte man das Hornsignal. Nur auf dem Sinwellturm blieb es still. Als später die Stadtsoldaten in die Stube des Wächters hinaufstiegen, fanden sie den Wächter tot. Die blaue Agnes aber war verschwunden.

Sie ward seither nie mehr gesehen. Nur des nachts weht ihre blaue Silhouette durch die Gassen der Stadt in die zahlreichen Türme Nürnbergs, wo sie den Wächtern als guter Geist zur Hand geht. Und wenn in Nürnberg ein Feuer ausbricht, läßt sie das Feuerhorn an der Wand hin und her baumeln, damit die Wächter nie mehr ihren eigenen Tod verschlafen.

Diese Geschichte finden Sie im Hotel Drei Raben in Zimmer 12. Der Mythos kursiert in Nürnberg seit Urzeiten.