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Sankt Sebaldus

 
Initiale

Es war einmal ein Pilger, der siedelte im Wald vor den Toren Nürnbergs. Oft kamen die Bürger der Stadt zu ihm und klagten ihm ihre Sorgen und Nöte. Er heilte Kranke, spendete Trost und Freude. Sein Name war Sebaldus, und alle Nürnberger kannten und liebten ihn.

Er besaß drei große schöne Raben, die ihm Tag und Nacht Gesellschaft leisteten. Betrat ein Fremder die Hütte, flatterten sie um den Eindringling herum, solange bis Sebaldus ihnen Einhalt gebot. Wenn der Besucher sein Anliegen erzählt hatte, pflegte Sebaldus sich mit den Raben in eine dunkle Ecke des Zimmers zurückzuziehen und sich flüsternd zu beraten, bevor er wieder hervorkam, um zu helfen.

In der Nähe der kleinen Hütte des Sebaldus lebte ein Bauer, der jeden Tag Brot und das Nötigste brachte. Eines Abends fand der Bauer nur die Raben vor, die ruhig vor dem ausgebrannten Kaminfeuer in der Hütte saßen. Sebaldus aber entdeckte der Bauer auf der Hinterseite des Verschlags. Er lag mit überkreuzten Armen auf einem Wagen und hatte eine brennende Kerze in der Hand.

„Geh schnell, und bringe mir zwei deiner Kühe, spanne sie vor den Wagen und frage nicht warum!“ sprach der Alte mit mühsamer Stimme. „Meine Stunde ist gekommen. Sie sollen mich an meine Grabstätte fahren.“ Der Bauer rannte nach Hause, um seine Kühe zu holen. Er spannte sie vor den Wagen. „Dort, wo mich des Herrn Diener, der Tod, hinführt, sollt ihr mich begraben“, hauchte Sebaldus mit letzter Kraft.

Der Bauer hatte die Worte des Sebaldus kaum gehört. Die Kühe scharrten mit den Füßen, bäumten sich auf und galoppierten davon. Als der Bauer den Wagen in die Dämmerung entgleiten sah, schossen wie drei schwarze Pfeile die Raben aus der Hütte und flogen ihrem Herrn hinterher. Da neigten sich die Bäume, Äste fielen im Sturm herab, ein Käuzchen schrie wie um sein Leben.

Die wilden Tiere des Waldes standen am Rande des Weges und reckten ihre Hälse in die Luft, den Raben hinterher. Die flackernde Kerze in der Hand des Sebaldus aber trotzte dem Sturm. Der Bauer sah sie noch als winziges Lichtchen in der Ferne, lange nachdem der Wagen seinen Augen bereits entschwunden war.

Am nächsten Tage erzählte man sich, dass ein Mädchen den alten Sebaldus tot aufgefunden habe. Unweit des Flusses habe er mit überkreuzten Armen auf einer Bahre gelegen, eine erloschene Kerze in der Hand, zwei erschöpfte Kühe vor den Wagen gespannt. Man schaffte ihn weg und wollte ihn irgendwo begraben. Die drei Raben des Sebaldus aber hörten nicht auf, ihre Bahnen über dem Ort zu kreisen, an dem die Kerze erloschen und der Alte gestorben war.

Der Ort wurde den Nürnbergern unheimlich, oftmals kehrten Leute zitternd zurück und berichteten von gar schaurigen Geräuschen. Blitze seien vom Himmel herab gefahren, und schwarze Schatten flögen durch die Luft. Irgendwann verstanden sie endlich, die Nürnberger, und begruben Sebaldus an jener Stelle. Dort aber, nahe des Flusses, jenseits von St. Lorenz, steht heute die Sebalduskirche.

Wer im Bett des Zimmer 14 liegt und an die Decke schaut, wird diese Geschichte lesen und erleben. Wer wollte nicht schon immer wissen, wie eine der größten und schönsten Nürnberger Kirchen entstanden ist? Die Sebalduskirche ragt jenseits der Pegnitz nahe der Burg in den Himmel. Die Legende von St. Sebaldus ist eine der ältesten Nürnberger Mythen.