Die Mythenzimmer im Themenhotel - Methode und Inhalt
Das Hotel Drei Raben bleibt trotz der designorientierten
Lounge ein Themenhotel. Die drei Raben erzählen in den Zimmern des
Hotels Nürnberger Mythen in modernster Inszenierung. Die Methode des
Erzählens bedient sich professioneller Mittel, wie sie von
internationalen Marken oder Konzernen genutzt wird. Inhaltlich wurde
allerdings bewusst Nürnberg als lokaler Bezugspunkt gewählt.
Arthotels, Designhotels
und Themenwelten werden in den nächsten Jahren weltweit aus dem Boden
sprießen. Aber Nürnberger Mythen gibt es nur einmal auf der Erde: in
Nürnberg. Und welch wichtigere Aufgabe kann einem Hotel zugesprochen
werden als den Gästen von den vergangenen, gegenwärtigen und
zukünftigen Legenden und Hoffnungen der Stadt zu erzählen? Ein Hotel
ist ein "Ersatzzuhause" für eine oder wenige Nächte.
So liegt es
nahe,dem Fremden Geborgenheit zu bieten, durch die Wärme der
Farben, Formen und der Menschen im Hotel, aber eben auch
inhaltlich:durch das Erzählen einer Geschichte aus der Umgebung, auf
die sich der Gast einlassen soll, eine Geschichte aus Nürnberg.
Nürnberg als Thema - Tradition und Zukunft
Dabei hat Nürnberg viel mehr zu bieten, als das oft als
verstaubt angeklagte Klischee der Lebkuchen und der Ritterrüstung
vermuten läßt. Leitbilder aus Nürnbergs Vergangenheit, die durchaus
Lebkuchen und Ritter Eppelein, aber auch Peter Henlein, Martin Belami
und Albrecht Dürer umfassen, bilden Nürnbergs Tradition, Nürnbergs
Seele, die sich aus der Vergangenheit speist, wie jede Stadt - und wie
jeder Mensch.
Umso wichtiger ist somit auf Basis der Würdigung
der Vergangenheit der Blick in die Zukunft: die Nürnberger sollen und
werden weitere Leitbilder schaffen. Die drei Raben versuchen, davon zu
zeugen. Und sie versuchen mit ihren Erzählungen den Trend zur Schöpfung
neuer Kraft und neuer Größe zu unterstützen. So erzählen die
Mythenzimmer des Hotel Drei Raben einerseits Legenden aus dem
Mittelalter wie die eines Zeppelin, Dürer, Henlein, Sigena oder St.
Sebald.
Auf der anderen Seite gibt es Mythen im modernen und
übertragenen Sinne wie die Spielzeugstadt Nürnberg oder die erste
Eisenbahn Deutschlands, die von Nürnberg nach Fürth gefahren ist. Oder
das Clubzimmer, welches den Mythos des 1. FC Nürnberg umschreibt. Die
drei Raben würdigen damit den legendären Club ihrer Heimatstadt, der im
Jahre 2000 sein 100 jähriges Bestehen feierte.
Seit 2008 werden
nicht einmal Erinnerungen aus dem 2. Weltkrieg verdrängt: im Zimmer
„Nürnberger Erinnerungen“ schallt (wenn man will) die fiktive Stimme
des 12 jährigen Werner Deibel, der seine Erinnerungen aus dem Keller
des Hotels im Bombenhagel beschreibt. Werner Deibel, der Vater der
jetzigen Eigentümerin des Hauses und Hotels Daniela Hüttinger, ist im
Jahre 2005 verstorben. Das Zimmer ist eine Widmung an den Vater und
zugleich eine Chronik der Hotelfamiliengeschichte.
Nürnberger Mythen und ihre Umsetzung
Was die Umsetzung der Mythen betrifft, sind es immer drei
Elemente, durch welche die Themen inszeniert werden. Die Vermittlung
ist dezent und andeutungsweise, fast lässt sich das Konzept als
"intellektuell" betiteln. Da ist erstens ein an die Wandtapezierter
Text, der durch den Nürnberger Künstler und Graphikprofessor Peter
Thiele mit seinen "Bildstaben" ausgestaltet worden ist.
Daneben
zieren Sandsteinreliefs das Kopfende der Betten, welche bekannte
Silhouetten aus der Nürnberger Formenwelt nachzeichnen. Der Sandstein,
Nürnbergs prägendes Material, zieht sich im übrigen durch das gesamte
Haus. In maßgeblicher Hinsicht wird die jeweilige Geschichte aber durch
eindreidimensionales Objekt in den Zimmern vermittelt, welches den
Mythos andeutet und zum Nachdenken anregt, neugierig machen soll: ein
Sandsteinbock mit den berühmten Hufabdrücken des Ritter Zeppelin, das
Bild des Adam von Dürer als Sandstrahlung auf der gläsernen
Badezimmertüre, ein Guckkästchen an der Wand, in dem der Gast die erste
Eisenbahn fahren sehen kann, oder antike Zinnfiguren, die umgekehrt an
der Decke entlang spazieren.
Im Zimmer des heiligen St. Sebald
flackert eine große Fackel in der Ecke - eine Stehlampe, die durch
einen Luftkanal ein zartes Tuch in die Höhe zittern lässt. Einige der
Accessoires stammen von dem Nürnberger Künstler Hans Karl Busch, der
zuletzt durch seineüberdimensionale Energiemaschine, die vor kurzem in
das Science Centre der Partnerstadt Glasgow geliefert wurde, Aufsehen
erregte.
Im Clubzimmer wirft sich hinter dem schlafenden Gast
eindynamischer Sandsteintorwart vor seinem Tor dem Ball hinterher. Im
selben Zimmer steht ein in Kirschbaum eingefasster Kicker,versehen mit
den Köpfen der Spieler der Jahrhundert-Mannschaft, ausgewählt von dem
Sportjournalisten Günther Koch. Dahinter befindet sich in einem Schlitz
in der Wand eine Miniaturfläche mit echtem Rasen.
Wenn der Gast
durch die im allgemeinen dezent gehaltene Inszenierung in seinem Zimmer
neugierig geworden ist und mehr wissen will, braucht er nur das
Hotelbüchlein auf seinem Nachttisch aufzuschlagen und die Geschichte
seines Mythenzimmers nachzulesen. Das Büchlein ist zugleich ein
Hotelprospekt.


