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Kaspar Hauser

 
Initiale

ines Tages im Mai des Jahres 1828 tauchte ein fremder Mann auf dem Unschlittplatz in Nürnberg auf. Er trug einen alten Frack und eine zerschlissene Reiterhose. Auf seinem Kopf saß ein breitkrempiger Hut, seine Füße steckten in offenen Reiterstiefeln. Er sprach in verstümmelten Worten und war ängstlich wie ein aufgescheuchtes Tier. Von der Welt wußte er nichts als seinen eigenen Namen: Kaspar Hauser.

Kaspar Hauser wurde in Nürnberg herumgereicht wie eine Seltenheit. Bald war er in ganz Europa wegen seiner merkwürdigen Verhaltensweisen bekannt. Er war unbeholfen wie ein kleines Kind. Ständig hielt er die Hand vor die geblendeten Augen. Tast- und Hörsinn waren außerordentlich, die Lernfähigkeit enorm. Bald war der Fremdling das ideale Musterexemplar für die Gelehrten, die über die menschliche Seele und den Körper forschten. Und bis heute ist Kaspar Hauser das Paradigma moderner Forschung über den Menschen.

Kaspar Hauser wurde nach wenigen Jahren in Nürnberg von einem Vermummten überfallen. Als Fremde Kaspar zuhilfe kamen, ließ der Vermummte von ihm ab und rief: Wenn Du redest, entkommst Du nicht lebendig! Wenige Jahre später wurde Kaspar Hauser in Ansbach von einem Unbekannten mit einem Dolch erstochen. Kürzlich erwies sich in einer genetischen Untersuchung des Blutes auf seinem erhaltenen Frack, daß er nicht der Erbprinz und Sohn des Markgrafen Karl von Baden gewesen ist, wie man lange vermutet hat. Wer war er dann?

Am Unschlittplatz in Nürnberg behauptet eine Tafel, dass Kaspar Hauser hier das erste Mal gesehen wurde. Niemand weiß, wer er wirklich war. Schauen Sie in den großen Spiegel im Zimmer 23 und Sie werden nicht einmal mehr wissen, wer Sie selber sind.